Der Harlekin, diese Figur geht auf das seit dem 14. Jahrhundert geläufige Erscheinungsbild des Narren zurück.
Er trägt die charakteristische Narrenkappe mit Eselsohren und den Schellen, die an den Zipfeln der Kappe hängen. Als Schalknarr und Musikant hält er auf vielfältige Weise seinen Herrscher am Königshof bei Laune.
Sein wesentliches Merkmal aber ist die Narrenfreiheit: Als Gestalt unter der Narrenkappe erfreut er sich der ungestraften Freiheit zur Kritik.
Die Wahrheit des Narren kann toleriert werden, weil sie sich mit der Narrheit maskiert, denn der Anschein der Dummheit ermöglicht es dem Herrscher, seine Lehren aus der Wahrheit zu ziehen, ohne sich beleidigt zu fühlen.
Die Ahnen des Harlekins
Schon beim ersten Auftreten komischer Figuren in den antiken
Komödien
kristallisieren sich zwei grundsätzlich verschiedene Narren-Typen heraus:
der gefrässige Tölpel, der die Schläge empfängt, der Prügelknabe
und der schlaue, intelligente Diener oder Sklave, der die Situation überschaut
und die Fäden der Intrige in der Hand hält. Aus diesen Figuren haben
sich der Harlekin und seine Gespielen entwickelt. Bis heute steht dem aktiven
Harlekin, der die Welt zum Narren hält, der passive und leidende Bajazzo
gegenüber.
Im
Mittelalter wird der Narr dämonisiert und tritt gegen die Welt mit ihren
anerkannten Prinzipien auf. Er stellt die bestehende Ordnung in Frage und spielt
den Gegenpart zu Gott, er ist der Teufel. Der Name HARLEKIN ist etymologisch
herzuleiten von HELLEQUIN, dem Führer des Totenheeres, einem Dämon
und Teufel, der sich während der Aufführung mittelalterlicher Mysterienspiele
in lustigen Zwischenspielen produziert. Betrachtet man das Kostüm des
Harlekins, so ist seine Herkunft vom mittelalterlichen Teufel zumindest optisch
belegt: ein Trikot mit Fellteilen besetzt, die sich im Laufe der Zeit zu jenen
bekannten farbigen Rhomben stilisieren, die für die Harlekin-Tracht bezeichnend
sind; auf der Maske des Harlekins hat sich als Rest geschrumpfter Teufelshörner
eine Beule erhalten.
Commedia dell’arte - die Geburt des Arlecchino
In
der Mitte des 16. Jahrhunderts entsteht in Oberitalien - vor allem in Venedig
- die Commedia dell’arte. Maske und Stehgreifspiel sind die wesentlichen
Elemente dieser Theaterform. Stoffe und Motive schöpfen die Mimen aus
dem literarischen Gut der Renaissance, wobei sie bekannte Handlungen auf
musikalische Weise variieren. Die Handlungen kreisen meistens um das ewig
populäre
Thema der Liebe. Verliebte Greis stelzen jungen Mädchen nach, gehörnte
Ehemänner sinnen auf Rache und mittendrin ist immer der Harlekin, der
das Geschehen vorantreibt. Dabei geht es grob und derb zu und her. Zu den
Hauptfiguren der Commedia dell’arte zählen Arlecchino und Brighella,
die beiden Diener, Pantalone und Dottore, sowie
die beiden Vecchi (Alte).
Die populärste Figur ist der Arlecchino, der sinnliche Lebensfreude und kindliches Gemüt verkörpert. Seine Handlungen sind impulsiv und ungeschickt, dafür wird er oft mit Prügeln bestraft. Trotzdem lässt er sich seine freundlich naive Weltanschauung nicht nehmen, sondern er entwickelt die Fähigkeit, sich geschickt aus brenzligen Situationen zu retten.
Der Harlekin verändert sich
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts beginnen englische, italienische
und deutsche Wandertruppen ihre Künste zu zeigen. Bodenständige
theatralische Formen und Figuren vermischen sich mit den Gestalten der Commedia
dell’arte
der Wandertruppen, so dass neue entstehen. Der Harlekin entfernt sich nach
und nach von seinen derben und groben Ursprüngen. In Frankreich, wo
die Commedia dell’arte ihre grösste Verbreitung und Umformung
erfahren hat, endet der Harlekin als melancholischer, trauriger Pierrot.
Der
Arlecchino und die Commedia dell’arte beeinflussen auch Dichter wie
Shakespeare, Molière oder Goethe, wobei der Harlekin bei Shakespeare
seinen Teufelsschatten abgelegt hat. Er betrachtet das Geschehen und die
Welt mit nachdenklichem Blick. Der Abglanz früherer Wildheit liegt allenfalls
noch in seinen brillanten Wortspielen und geistreichen Witzen.
Im 18. Jahrhundert wird der Harlekin, in Folge der Umgestaltung des Theaters
zur Sitten- und Tugendschule durch die Aufklärer, aus dem ernsten Theater
verbannt und nur noch in der Komödie geduldet. Der Harlekin verschwindet
langsam in der Versenkung.
Harlekins Wiedergeburt
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, des technischen Fortschritts
müde,
sehnt man sich wieder nach den Reizen versunkener Epochen; die Entdeckung
des Rokoko war fällig. In der Oper Ariadne auf
Naxos von
Hofmannsthal und Strauss erscheinen bereits wieder Figuren der Commedia dell’arte.
Auch das Theater greift im sogenannten Rokokotheater in der Darstellung wieder
Elemente der Commedia dell’arte auf, der Harlekin kehrt auf die Bühne
zurück. Das Ballett entdeckt den Harlekin schon früher und macht
ihn zur Hauptfigur, einem stummen Narr und Springer. Auch den Film beeinflussten
die Charakteren der Commedia dell’arte. Komiker der Stummfilmzeit arbeiten
stark mit Mimik und Sprache und kreieren festgelegte Kostüme und Requisiten,
die ihre äussere Erscheinung und damit ihren Rollentyp bestimmen.
Wie
aber sieht der Harlekin heute aus? In den Bildern von Pablo Picasso zeigt
er uns sein Gesicht.
Text: Martin J. Bucher
Quellen:
– Riss, Ulrike. Harlekin. Eine Ausstellung im Österreichischen
Theatermuseum. Wien 1984.
– Esrig, David. Commedia dell’arte. Eine Bildgeschichte der Kunst
des Spektakels.
– Nördlingen 1985.
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